Stimme und Identität

Was hat unsere Stimme mit unserer Identität zu tun?

Sehr viel.

Die „Familienstimme“

Von Anfang an ist die Sprache ein zentraler Baustein zur Bildung unseres Selbstgefühls Als Kind sind wir alle begabte Imitatoren, die nicht nur Worte spielend wiederholen, sondern unbewusst den Tonfall, die besonderen Nuancen, den Stimmklang unserer Eltern übernehmen und dadurch ein Gefühl für unsere Identität entwickeln.

Wir alle haben schon mal schmunzelnd beobachtet, wie kleine Kinder haargenau die Haltung und bestimmte Gesten ihrer Mutter oder ihres Vaters kopieren, und genau so reden wie diese. Und wir kennen auch dieses Phänomen, dass wir am Telefon nicht erkennen, ob Mutter oder Tochter dran ist, Vater oder Sohn. Es gibt also so etwas wie Familienstimmen, was eigentlich nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Kinder zunächst fast ausschließlich von ihrem familiären Umfeld geprägt werden.

Durch das Eingebunden-Sein in einen solchen Familienmodus können in manchen Fällen Sprechgewohnheiten entstehen, die unsere natürliche Stimmfunktion behindern und einengen. Drücken die Eltern beim Reden auf die Stimme, halten gewohnheitsmäßig den Atem an und klingen gepresst, werden es die Kinder automatisch auch tun. Ist es beispielweise in einer Familie nicht „von gutem Ton“ die Stimme zu heben, werden die Kinder lernen, immer leise zu sprechen – eine Gewohnheit, die (abgesehen davon, dass sie für die Stimme unnatürlich und ungesund ist), das Selbstbewusstsein nicht gerade fördert. Denn eine Stimme, die nicht im Körper sitzt, sondern da oben im Kopf kraftlos herumpiepst, ist nicht in der Lage, wahrhaftige Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Spontane Regungen wie Freude und Wut, aber auch Wünsche und Kreativität, bleiben im Hinterzimmer stecken und die Authentizität ist dahin.

Hinzu kommen Überzeugungen, die wir als Kind von unseren Eltern (manchmal auch von Lehrern) übernommen haben, und die oft ein Leben lang bestehen bleiben, wie z.B. „Deine Stimme ist schrecklich, sprich nicht so laut, nicht so fordernd!“ – oder: “Du singst falsch!“ – oder auch (habe ich alles gehört!): „Produziere dich nicht so, das gehört sich nicht für ein anständiges Mädchen!“

Diese Verletzungen sitzen tief und führen zu inneren Konflikten und widersprüchlichen Motivationen, was häufig Hemmungen und Blockaden zur Folge hat.

In meiner Tätigkeit als Gesangspädagogin habe ich, neben diesen negativen Beispielen, immer wieder erlebt, dass gute, schöne Stimmen ebenfalls vererbt werden. Immer ist da eine Großmutter , ein Großvater oder Onkel, der oder die wunderschön gesungen hat!

Gibt es also etwas wie meine eigene Stimme?

Natürlich gibt es die!

Jeder hat eine ureigene Stimme, die allerdings manchmal durch hartnäckige, angelernte Sprechgewohnheiten zugedeckt und verfremdet ist. Mit fachlicher, auf Achtsamkeit und Experimentierfreude basierenden Anleitung, können wir jedoch unsere „eigentliche“ Stimme und damit individuelle Anteile unserer Persönlichkeit aus ihrem Dornröschenschlaf wecken. Über die Entdeckung der eigenen Stimme werden Selbstbilder und -gefühle freigelegt, die immer schon in uns waren, und wir erleben, dass unsere Stimme zugleich kraftvoll und mit Leichtigkeit funktionieren kann und wir uns mit ihr völlig identifizieren können und dürfen!

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